#Männerwelten -
Ein Kommentar

#Männerwelten - Ein Kommentar

Autorin: Lea Wessels

Stell dir vor es ist 2020, und im TV bei Prosieben läuft zu Primetime etwas, was im Nachhinein als »revolutionär« und »super wichtig« beschrieben werden wird. Stell dir vor es ist 2020, und zwei weiße Cis-Männer opfern ihre gewonnene Sendezeit für ein Thema, für das sich seit Jahren sehr, sehr viele Menschen einsetzen, und statt Zuspruch & Empowermenz, aber ganz schön viel Gegenwind zu bekommen. Joko und Klaas hingegen werden zu den vermeintlichen Vorzeigefeministen und ihnen werden diverse verbale Orden verlieren, für das zurücktreten und Plattform geben. #Männerwelten hat viele Menschen abgeholt, die vielleicht sonst mit einem progressiven Feminismus nicht abgeholt werden – genau hier liegt das Problem.
Zur Causa Jokos & Klaas‘ 15 Minuten Live-Sendung unter dem Thema „Männerwelten“, moderiert von Sophie Passman. Zu allererst: Ja, es ist gut, dass sowas in den Mainstream-Medien gezeigt wird, damit Jürgen, 42, und Martin, 33, in Ansätzen nachvollziehen können, mit was weiblich gelesene Personen im Alltag tagtäglich konfrontiert werden, und warum dieser vermeintlich böse Feminismus auch 2020 unverzichtbar ist. Ja, die beiden haben ihre Plattform genutzt bzw.freigegeben, und das ist an sich gut, um Leute für ein Thema zu sensibilisieren, mit dem sie bislang vielleicht keine Berührungspunkte hatten oder eher haben wollten. Aber trotzdem muss und darf es auch Raum für Kritik geben, ohne dass nun wieder jene Personen zur Zielscheibe von „euch kann man(n) es ja eh nie Recht machen“-Kommentaren werden, die, wie es das Video zeigt, sowieso schon viel zu oft Opfer von digitaler oder analoger Gewalt werden.

»Es geht hier nicht um den Alltag aller Menschen, es geht um die Lebensrealität von weiblich gelesenen Personen.«

Sprache formt, Sprache bildet ab, Sprache festigt Strukturen. Wenn in der Sendung also Sätze geschrieben auf Folien stehen wie „Diese Bilder können auf Menschen empfindsam und verstörend wirken. Leider sind sie aber auch Teil unseres Alltags“, ist das nicht erstmal die schlechteste Trigger-Warnung,die das World Wide Web und das TV seit langem gesehen haben. Nein. Die Macher*innen widersprechen sich direkt mal selbst, indem sie die gender-spezifische Dimension ihres Beitrags zunichte machen, indem sie meinen, das gezeigte sei unser Alltag. Es geht hier nicht um den Alltag aller Menschen, es geht um die Lebensrealität von weiblich gelesenen Personen.

»Damit wird die Chance verpasst, mit einem intersektionalen Feminismus gleich einer Vielzahl von Menschen das Leben lebenswerter zu machen und Sichtbarkeiten zu schaffen (...)«

Wo wir schon beim Thema Sprache sind – im ganzen Beitrag wird ausschließlich von „Frauen“ geredet. Nicht mit einem einzigen Nebensatz werden Menschen abseits der binären Geschlechterkategorien erwähnt. Ja, hier sollte vermutlich eine breite Masse an Zuschauer*innen abgeholt werden und verhindert werden, dass Menschen verloren werden, wenn die Vielfalt der Personen benannt wird, die von Sexismus und sexueller Gewalt betroffen sind. Das geschieht auf Kosten von Minderheiten und stigmatisierten Gruppen, die selbst in 2020 von einem weißen Feminismus überworfen werden, der sich im Kern hauptsächlich immer noch für weiße Frauen einsetzt. Damit wird die Chance verpasst, mit einem intersektionalen Feminismus gleich einer Vielzahl von Menschen das Leben lebenswerter zu machen und Sichtbarkeiten zu schaffen, für diverse Lebensrealitäten und damit einhergehende patriachale Formen Unterdrückungen.

Und dann taucht am Schluss auch noch Terre des Femmes als Kooperationspartnerin auf, und das ist nun wirklich etwas, das hätte verhindert werden müssen. Terre des Femmes steht für einen islam- und transfeindlichen „Feminismus“, der nebenbei auch noch Sexarbeit stigmatisiert. Einer solchen Organisation so eine große Plattform und Reichweite zu geben ist unglaublich gefährlich, denn durch solche Kampagnen schafft es die Organisation, ihre Motive unter einem gleichberechtigten, kämpferischen Image zu verstecken und sich als Vorzeigeorganisation für Frauenrechte zu präsentieren.

»Für viele Feminist*innen ist dieses Video deshalb kein Erfolg, sondern vielmehr der Beweis, dass der Kampf gerade erst angefangen hat.«

Diese 15 Minuten werden vielleicht einigen Menschen/ Männern die Augen geöffnet haben, hoffentlich langfristiger als nur für 15 Minuten. Ja, es ist wichtig und gut, dass Frauenrechte zu Mainstream werden … aber letztendlich zeigt das Video vor allem eins: Wie viel Arbeit noch vor uns liegt! Schließlich geht ein Video über Sexismus und sexuelle Gewalt viral, das fast ausschließlich die Perspektiven von weißen Frauen widerspiegelt und nebenbei noch eine Frauenrechtsorganisations promotet, die sich für ein Kopftuchverbot von unter 18-jährigen ausspricht. Für viele Feminist*innen ist dieses Video deshalb kein Erfolg, sondern vielmehr der Beweis, dass der Kampf gerade erst angefangen hat.

Lea (SGU)

Lea hat nach dem Abitur den Schnellzug Richtung Berlin genommen, und führt hier seit mehren Jahren eine monogame Liebesziehung mit der Hauptstadt selbst. Hier hat sie Kulturwissenschaft studiert, Stimmrecht gegen Unrecht mitgegründet und die Bekanntschaft gemacht, mit intersektionalem Feminismus, Mansplainern und Spreadern. Wenn sie nicht gerade im digitalen SGU Wohnzimmer mit den anderen die Strippen zieht, steht sie bei »Safe Space« vor der Kamera. Dem neuen Jugendformat vom Rbb.

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